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Jagdfreie Gebiete

Jagdfreie und jagdberuhigte Gebiete/Länder

Nationalpark-Effekt

Infolge der ständigen Bedrohung durch Jäger entwickelten Wildtiere eine unnatürlich große Scheu vor dem Menschen. Die Jagd verhindert damit in großem Maßstab, Tiere in ihrem ursprünglichen Lebensraum hautnah zu erfahren. Wo nicht mehr gejagt wird, zeigt sich dagegen der weltweit zu beobachtende "Nationalpark-Effekt". Selbst über lange Zeit bejagte Tiere verlieren in relativ kurzer Zeit ihre Furcht vor Menschen und ihre Tagesrhythmik ändert sich von Nachtaktivität hin zu Tagesaktivität. Die positive Folge: Wildlebende Tiere, die der Spaziergänger in bejagten Gebieten nie oder nur mit großem Glück zu sehen bekommt, werden wieder sichtbar und damit erlebbar.

Hase Foto: © Pim Leijen - Fotolia

Dieser Effekt ist in Deutschland nur in geringem Umfang feststellbar, da im Gegensatz zu anderen Ländern ‒ außer in kleineren jagdfreien Zonen ‒ auch in den Nationalparks gejagt wird. Am deutlichsten wird die ursprünglich fehlende Scheu von Wildtieren gegenüber Menschen in Gebieten, in denen aus kulturellen Gründen über lange Zeit nicht gejagt wurde.

Die Bishnoi

Bei den Bishnoi, einer in der indischen Thar-Wüste lebenden Religionsgemeinschaft, darf aus spirituellen und ökologischen Gründen seit einem halben Jahrtausend kein Tier mehr getötet und kein Baum gefällt oder beschnitten werden. Im Land der Bishnoi findet man eine große Artenvielfalt an Tieren; neben un-zähligen Gazellen und Antilopen auch Wildesel, Schakale, Wüstenluchse, Bengalfüchse, Wölfe und Hyänen sowie viele Vogel- und Reptilienarten. Die sonst eher seltenen und scheuen Wildtiere wissen, dass ihnen im Siedlungsraum der Bishnoi keine Gefahr von Jägern droht, im Gegenteil, sie pflegen einen vertrauten Umgang mit den Menschen. Verletzte Tiere suchen sogar gezielt deren Nähe, um sich von ihnen versorgen und gesund pflegen zu lassen.

 

Kanton Genf

Der Kanton Genf mit seinen rund 500 000 Einwohnern verfügt über eine Gesamtfläche von 280 Quadrat-kilometern. Davon sind 45 Prozent landwirtschaftlich genutztes und 25 Prozent bebautes Land, 15 Prozent der Fläche werden von Wald und Fluss, weitere 15 Prozent vom Genfer See eingenommen. 1974 wurde im Kanton die Freizeitjagd per Volksentscheid abgeschafft. Aufgrund fehlender jagdlicher Eingriffe in Verbindung mit Habitatverbesserungen ist laut dem kantonalen Genfer Fauna-Inspektor Gottlieb Dandliker die Biodiversität massiv größer als zu Zeiten, in denen noch gejagt wurde. Auf Genfer Gebiet gibt es heute rund 60 Hirsche, Hunderte von Rehen und Wildschweinen, Tausende Enten. Auch seltene Vögel wie Rebhuhn und Fasan sind wieder zurück. Ausnahmen vom allgemeinen Jagdverbot gibt es in Genf nur für Schwarzwild. Auch dort sind die Wildschweinbestände aufgrund eines reichhaltigen Nahrungsangebotes in den vergangenen Jahren angestiegen. Zudem flüchten immer wieder Tiere bei Beginn der Jagdsaison im benachbarten Frankreich in das friedliche Genf und tragen damit weiter zu einer Bestandserhöhung bei. Um landwirtschaftliche Nutzflächen vor großen Schäden zu schützen, werden nicht-letale Schutzmaßnahmen wie zum Beispiel Elektrozäune eingesetzt, ein Abschuss erfolgt nur als letztes Mittel. Die zehn kantonalen Wildhüter schießen dabei deutlich weniger Tiere und gehen weitaus gezielter und tierschonender vor als private Freizeitjäger. Einer aktuellen Umfrage zufolge befürwortet eine überwältigende Bevölkerungs-mehrheit die Beibehaltung des Jagdverbotes, das nicht nur zu einem beeindruckenden Artenreichtum führte, sondern auch weniger Kosten für den einzelnen Bürger verursacht als die Freizeitjagd.

Der Schweizerische Nationalpark

2014 feiert der im Engadin liegende Schweizerische Nationalpark sein hundertjähriges Jubiläum. Er ist mit 170 km2 Gesamtfläche das größte Wildnisgebiet der Schweiz und zudem der älteste Nationalpark der Alpen und Mitteleuropas. Gemäß internationaler Naturschutzunion (IUCN) ist er ein Reservat der Kategorie Ia (höchste Schutzklasse, Wildnisgebiet). Er besteht zu 28 % aus Wald (v.a. Nadelwald), 21 % der Fläche sind mit alpinen Matten (Hochgebirgsrasen) bedeckt, 51 % sind vegetationsfreie Geröll-, Fels- und Hochgebirgszonen. Tiere, Pflanzen und Lebensräume sind strengstens geschützt. Die Natur entwickeln sich seit hundert Jahren nach ihren eigenen Regeln frei vor menschlichen Einflüssen. Im Nationalpark dürfen deshalb weder Wege verlassen, Blumen gepflückt, Wiesen gemäht noch Bäume gefällt werden. Außer stark verletzten, leidenden Wildtieren werden keine Lebewesen getötet, noch wird das Wild in Notzeiten gefüttert. Der Mensch bleibt im Hintergrund und ist lediglich Zeuge der dynamischen Prozesse, die dieser alpinen Landschaft mit ihrem außergewöhnlichen Artenreichtum einen unvergleichlichen Charakter verleihen. Das fehlende Bedrohungspotenzial durch Jäger hatte zur Folge, dass die Tiere ihre Scheu verloren. Aus geringer Entfernung können Besucher Steinböcke, Hirsche, Gämsen, Murmeltiere, Rehe, Schneehasen, Eidechsen, Schlangen, Insekten und viele Vögel beobachten, manchmal sogar Bartgeier, die seit 1991 wieder im Park angesiedelt wurden.

Niederlande

2002 trat in den Niederlanden das Flora- und Faunaschutzgesetz (FFSchG) in Kraft, die Jagdausübung wurde in den Bereich Umweltschutz eingegliedert. Die Liste der Tierarten, die zum Vergnügen bejagt werden durften, wurde von sechsundvierzig auf sechs gekürzt. Zahlreiche Jagdpraktiken wurden mit kategorischen Verboten belegt. Ausnahmen (etwa zur Bekämpfung landwirtschaftlicher Schäden) wurden vom Gesetzgeber allerdings ausdrücklich vorgesehen. Im Laufe der Jahre wurden auf Druck der Bauern und Jäger per Ministerbeschluss immer mehr Tierarten (auch offiziell geschützte) als "Schädlinge" auf Tötungslisten gesetzt, so dass Ausnahmen mittlerweile die Regel sind. Derzeit wird u.a. darüber diskutiert, ob die Liste der frei jagdbaren Arten gänzlich abgeschafft und stattdessen die Jagd als "das Fangen und Töten von Tieren im Rahmen der Schadensbekämpfung und der Bestandsüberwachung für festgelegte öffentliche Interessen" definiert wird. Bevor jedoch der Abschuss von Tieren beschlossen werde, sollen in Frage kommende "Alternativlösungen" geprüft werden.


Indien

1972 wurde mit dem Indian Wildlife Protection Act die gesetzlichen Rahmenbedingungen für einen umfassenden Schutz der Natur und der Wildtiere geschaffen. Die Jagd auf Wildtiere ist fast überall verboten.


Sri Lanka

Auf eine Gesamtfläche kleiner als Bayern verfügt Sri Lanka über 21 Nationalparks und 501 Schutzgebiete, das sind insgesamt 26, 5 % des Landes. Die Jagd ist in allen Schutzgebieten vollständig und außerhalb weitestgehend verboten.


Costa Rica

Seit Dezember 2012 ist die Sportjagd in Costa Rica gänzlich untersagt. Gejagt werden darf in dem mittelamerikanischen Land nur noch zu wissenschaftlichen Zwecken und zur Kontrolle des Wildbestands.


Botswana

In Botswana ist die Freizeitjagd seit 2014 aus Artenschutzgründen verboten. Jagd fördere die Wilderei, unethisches Verhalten und Korruption, so das dortige Umweltministerium. Spezielle Jagdlizenzen werden nur noch an traditionelle Jägervölker in ausgezeichneten „wildlife management areas" vergeben.


Kenia

Kenia galt lange Zeit als das klassische Jagd-Safariland. Seit 1977 ist die die Jagd auf alle Haar-Wildtierarten verboten, lediglich die Jagd auf Vögel ist noch erlaubt.


Albanien
Wie Anfang Februar dieses Jahres bekannt wurde, beschloss Albanien einen totalen zweijährigen Jagdbann über das gesamte Land, der ab Mitte Februar in Kraft treten sollte. Ausschlaggebend für den längst überfälligen Schritt war der massive Rückgang von Wildtieren in Albanien.




Quellen:
REICHHOLF, J. H.: Ist die Einstellung der Jagd im Kanton Basel möglich und sinnvoll? Wildtierökologische Betrachtung. Vortrag am 15.10.2013 an der Universität Basel. http://www.youtube.com/watch?v=vOAufU4lHBQ
REICHHOLF, J. H.: Störungsökologie: Ursache und Wirkungen von Störungen. Laufener Seminarbeitr. 1/01, S. 11 - 16 Bayer. Akad. f. Naturschutz u. Landschaftspflege - Laufen / Salzach 20

http://www.bishnoism.com
OTTE, H.-J.: Menschen, die sterben um Bäume und Tiere zu retten, http://www.vegetarismus.ch/bishnoi/otte/

DANDLIKER, G.: Praxisbeispiel Kanton Genf. Seit 1974 jagdfrei. Vortrag am 15.10.2013 an der Universität Basel. http://www.srf.ch/news/regional/basel-baselland/genf-ist-mit-seinem-jagdverbot-zufrieden

www.nationalpark.ch/‎
EVERTSEN, N., DE JONG, P.: Wildlebende Tiere in den Niederlanden. Im Grenzgebiet zwischen Schutz, Jagd und Schadensbekämpfung. In: TIERethik, 5. Jg. 2013/2
http://en.wikipedia.org/wiki/Wildlife_Protection_Act,_1972
http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_national_parks_of_Sri_Lanka#Notes
http://en.wikipedia.org/wiki/Protected_areas_of_Sri_Lanka
Fauna and Flora Protection Ordinance (1937, 1970)
http://www.quetzal-leipzig.de/nachrichten/costa-rica_/costa-rica-schluss-mit-jagdausflugen-19093.html
http://www.antijagd.ch/nachrichten/182-botswana-will-2014-jagdverbot-verhaengen.html
http://www.globus-jagdreisen.de/de/jagdlaender/afrika/kenia/
http://www.euronatur.org/Pressemitteilungen.256+M526f4e3b6a2.0.html?&cHash=8ac4725939c5b6e7dfd6c01a1587acf1

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