| Tiertransporte im erweiterten Europa |
|
|
|
Hannelore Jaresch und Cornelia Hofaichner, in tierrechte 4.04 Der Beitritt von zehn neuen Staaten zur Europäischen Union im Mai 2004 hat zur Auflösung von Grenzkontrollstellen und zum Abzug von Grenztierärzten geführt. Diesen Folgen der Erweiterung wollten Hannelore Jaresch und Cornelia Hofaichner von der Arbeitsgruppe Tiertransporte des Bundesverbandes nachgehen. Sie begleiteten daher einen Pferdetransport von Polen nach Italien. Das kleine weiße Fohlen ganz hinten drängt sich ängstlich an die anderen Pferde. Es lässt den Kopf hängen und beachtet weder Heu noch Wasser, das den Pferden vor der zweiten langen Etappe ihrer Fahrt von Weißrussland nach Süditalien angeboten wird. Vielleicht wurde es erst kurz vor dem Transport von der Mutter getrennt? Kaum älter als zwei bis drei Monate hat es noch kaum Fleisch auf den Knochen. Und soll schon zu Pferdesalami oder Fohlensteak verarbeitet werden? Die 22 Pferde in der polnischen Versorgungsstation Zebrzyowice sind erschöpft von den Strapazen der 23-stündigen Lkw-Fahrt, die hinter ihnen liegt. Einige husten, manche haben Nasenausfluss. Eines scheint Schmerzen in einem dick angeschwollenen Gelenk zu haben. Die polnische Versorgungsstation ist nun in privater Hand, die Veterinäre wurden abgezogen, viele Transporte fahren an der Station vorbei in Richtung Süden. Da sie keinen Gewinn bringt, soll die Station zum Ende des Jahres geschlossen werden. Eine Katastrophe für die Tiere, die hier ein letztes Mal abgeladen, versorgt werden und 24 Stunden ausruhen können vor der rund 30-stündigen Weiterfahrt zum Schlachthof bei Bari in Süditalien. Ein weiterer Tiertransport kündigt sich durch das laute Klagen der Kälber an. Dann nochmals zwei Pferdetransporte aus Litauen. Ein Pferd bricht nach dem Abladen zusammen. Als man ihm Heu und Wasser reicht, erholt es sich rasch. Kurz nach 16 Uhr bricht unser Lkw mit den weißrussischen Pferden auf. Die kleineren Pferde und Fohlen stehen nicht angebunden in einer Box. Wir folgen. Es geht zunächst auf der Autobahn durch Tschechien, dann Richtung Bratislava in der Slowakei. Der Fahrer hält sich genau an die vorgeschriebenen 80 Kilometer pro Stunde. Wir hoffen für die Pferde, dass es so bleibt. Da verlässt der Pferdetransport die Autobahn. Offenbar will er in Richtung ungarischer Grenze abkürzen. Es dämmert bereits. Der Lkw legt an Geschwindigkeit zu. Scharfe Kurven, aufgerissene Straßen, Radfahrer ohne Licht, Hunde am Straßenrand kümmern ihn nicht. Mit 80 oder gar 100 Kilometer pro Stunde prescht er durch die Dörfer und über schmale, holprige Landstraßen. Dazwischen Wettrennen und Überholmanöver mit anderen Lkws. Neun Stunden ist der Fahrer nun am Steuer. Wir haben Schwierigkeiten zu folgen. Wie es den Pferden vor uns geht, wagen wir nicht uns vorzustellen. Um ein Uhr nachts sind wir in Redics an der ungarisch-slowenischen Grenze. 45 Minuten Pause für die Versorgung der Pferde auf dem Lkw. Vielleicht weil wir dabei sind? Ein Pferd liegt am Boden und kommt nicht mehr hoch. Wie durch ein Wunder stehen die anderen. Auch das kleine Fohlen frisst jetzt gierig unter dem Bauch der größeren Tiere das Heu, das durch die Lüftungsschlitze hineingeschoben wird. Das festliegende Pferd muss aufstehen, sonst überlebt es die weitere Fahrt nicht. Ziehen am Strick, lautes Rufen und auch brutale Schläge helfen nicht. Als wir einschreiten, holt einer der Fahrer einen Schlauch. Ein starker Wasserstrahl bringt das Pferd schließlich wieder auf die Beine. Während die Pferde das Heu kauen, werden auf jeder Seite des Fahrzeugs zwei bis drei schlauchartige Tränkgefäße eingehängt und mit Wasser gefüllt. Kaum ein Pferd trinkt. Sie wissen ja nicht, welch lange Fahrt ihnen noch bevorsteht - mindestens 20 Stunden noch bis Bari. Die meisten kommen auch gar nicht an die Tränken heran. Schon nach wenigen Minuten werden die Gefäße entfernt. Wir gönnen uns einige Stunden Schlaf im Auto. Für die Pferde heißt es weiter durch Slowenien in Richtung Italien. Als wir gegen Mittag in Gorizia an der slowenisch-italienischen Grenze eintreffen, befinden sich sieben Pferdetransporte auf dem Gelände der ehemaligen EU-Grenzstation. “Unser“ Transporter ist längst über alle Berge. Wenn die Pferde Glück haben, werden sie hier abgeladen und versorgt. Wenn sie weniger Glück haben, erfolgt eine schnelle Versorgung auf dem Lkw. Wenn sie Pech haben, fahren auch hier die Fahrer an der Station vorbei weiter in Richtung Süden. Kontrollen sind nicht mehr vorgeschrieben, seit Slowenien zur EU gehört. Die vier im Büro sitzenden Veterinäre sind seit Mai nicht mehr zuständig für die ankommenden Tiertransporte. Sie nehmen es gelassen: Sicherlich sei einiges im Umbruch und noch nicht so gut geregelt. Aber das werde sich schon einpendeln. Und die Fahrzeuge hätten sich doch in den letzten Jahren sehr gebessert. So sehe man heute keine zweistöckigen Pferdetransporte mehr. Dass man die Pferde doch in ihrem Herkunftsland schlachten und dann das Fleisch transportieren könnte, wollen sie nicht moralisch bewerten. Draußen werfen wir einen Blick in einen Transporter, der Pferde aus Rumänien nach Bari bringt. Ein Hengst steht neben Stuten und beißt aufgeregt in ihre Richtung. Die Pferde sind in unterschiedlicher Richtung angebunden. Mutterstuten befinden sich mit ihren Fohlen unter den anderen Pferden. Dies alles ist gegen die EU-Vorschriften. Aber wen stört das? Der Fahrer schimpft: An der rumänisch-ungarischen Grenze sollen wir nach dem Rechten sehen. Dort müsse er sechs Stunden mit den Pferden auf dem Lkw warten, nur um einen Stempel für die EU zu bekommen. Für den Zustand der Tiere interessiere sich dort niemand. |

