| Neues aus der tierversuchsfreien Forschung |
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Menschen für Tierrechte -Bundesverband der Tierversuchsgegner e.V. Vom 02.-04.09.2010 fand in Linz (Österreich) der 16. Kongress zu Tierversuchsalternativen statt. Internationale Vertreter aus Industrie, Forschung und Tierschutzorganisationen berieten gemeinsam über die Weiterentwicklung dieses Forschungszweigs. Besonderes Augenmerk galt dabei dem transatlantischen Austausch zwischen Europa und den USA, der zukünftig intensiviert werden soll, um die Forschungsergebnisse zu verbessern. Der Bundesverband Menschen für Tierrechte war ebenfalls vertreten, um seine Plattform für tierversuchsfreie Forschung vorzustellen und zu erweitern. Bei den Referenten stand außer Frage, dass Tierversuche aufgrund ihrer mangelnden Übertragbarkeit auf den Menschen keine Sicherheit für die Verbraucher gewährleisten können. Der renommierte Toxikologe Prof. Dr. Dr. Thomas Hartung vom Center for Alternatives to Animal Testing der Johns Hopkins University in Baltimore (USA) wies darauf hin, dass Menschen keine 70 kg-Ratten sind, und ein Medikament wie Aspirin heutzutage als hochgiftig eingestuft werden würde, da es bei „Versuchs"tieren verheerende Nebenwirkungen offenbart. Zu der Entwicklung von Testverfahren, die auf menschlichem Gewebe basieren, gebe es daher keine Alternative. Der Bundesverband Menschen für Tierrechte begrüßt solche Kongresse, von denen noch immer viel zu wenige stattfinden würden. Die bereits seit 1986 durch EU-Recht geforderte Entwicklung von tierversuchsfreien Ersatzverfahren sei nur durch ein Zusammenwirken von Wissenschaft, Industrie und Politik zu leisten. „Es ist unverzeihlich, dass auf dem Linzer Kongress im Gegensatz zu Industrieunternehmen wie beispielsweise BASF und L'Oreal weder offizielle Vertreter der Deutschen Forschungsgemeinschaft noch maßgebliche deutsche Politiker anwesend waren - obwohl bei diesen ein Kompetenzzuwachs dringend überfällig ist. Wir werten dies als Ignoranz gegenüber ihrer Verantwortung", so Dr. Kurt Simons, Vorsitzender des Bundesverbandes. Um selbst zur Förderung der tierversuchsfreien Forschung beizutragen, hat der Bundesverband eine Internetplattform zur Vernetzung von Wissenschaftlern inklusive Jobbörse geschaffen. Darüber hinaus hat er der Politik ein Konzept zur Einrichtung von Lehrstühlen zu tierversuchsfreien Ersatzverfahren an Hochschulen vorgelegt. Internetportal mit Stellenbörse www.invitrojobs.com
Auf dem Kongress mit Teilnehmern aus 30 Nationen konnte Dr. des. Norbert Alzmann von unserem Bundesverband einige Interviews mit renommierten Wissenschaftlern durchführen. Besonders interessant: Prof. Dr. Dr. Hartung führte aus, dass sich die USA im Vergleich zur EU in Bezug auf „Alternativmethoden" fortschrittlich verhalten und vor allem im Bereich Toxikologie (Giftigkeitsprüfung von Substanzen) tierversuchsfreie High-Tech-Ansätze einbinden würde. Den Aufwärtstrend führt er auf die gute Kooperation von Politik und tierversuchsfreier Forschung zurück. Die kompletten Interviews finden Sie auf der oben genannten Internetseite, allerdings in englisch.
Silke Bitz, Dipl.-Biol., Fachreferentin Herz-Lungen-Maschine zur Wirkstofftestung An der Harvard-University in Cambridge, Massachusetts (USA), haben Bioingenieure ein Herz-Lungen-Modell entwickelt, mit dem sich pharmakologische Substanzprüfungen besonders effizient durchführen lassen. Finanziert wird das Projekt von den National Institutes for Health (NIH) und der Food and Drug Administration (FDA) mit über 3 Millionen Dollar. Das Innovative an dieser Forschungsarbeit ist die Verknüpfung von Techniken aus der Computerindustrie mit Verfahren des Tissue Engineering, mit dem dreidimensionales Gewebe konstruiert wird. Mit einer Vakuumpumpe lassen sich, ähnlich wie im natürlichen Umfeld, die physiologischen Funktionen einer atmenden Lunge sowie eines schlagenden Herzens simulieren. An dieser Konstruktion, die menschliche Zellen verwendet, ist es möglich, schädliche Wirkungen zu erkennen, die durch Einatmen bestimmter Substanzen auftreten können. Die zur Überprüfung auf Giftigkeit durch Einatmen üblicherweise durchgeführten Tierversuche sind nicht nur besonders qualvoll für die Tiere, sondern im Gegensatz zu diesem ausgeklügelten Herz-Lungen-System, unzuverlässig und langwierig. Forschung an Stammzellen statt Tierversuche Ein Forscherteam der University of Wisconsin (USA) hat eine neuartige Technologie benutzt, um an Stammzellen die Wirkung möglicher neuer Arzneiwirkstoffe testen zu können. Bei diesem Verfahren kommen so genannte induzierte pluripotente Stammzellen (IPS) zum Einsatz. Diese werden aus normalen, erwachsenen Gewebezellen hergestellt, indem sie durch Zugabe eines bestimmten Gens zur Rückbildung zu Stammzellen angeregt werden. Diese können sich dann wiederum zu verschiedenen Zelltypen oder Geweben ausdifferenzieren. Die Testung neuer Wirkstoffe an diesen Zellen erlaubt es, Substanzen auszusortieren, die entweder schädlich sind oder aber nicht die gewünschte Wirkung haben. Diese Substanzen werden dann gar nicht erst an Tieren getestet. Potentielle Wirkstoffkandidaten, die für die menschliche Anwendung viel versprechend erscheinen, werden allerdings nach wie vor anschließend im Tierversuch getestet - es handelt sich also nur um eine Reduzierung der Tierzahlen und möglicherweise des Tierleids, da giftige Substanzen im Vorfeld aussortiert werden. Mit diesem neuen Verfahren ist es auch möglich, patientenspezifische Zellen herzustellen. So wurden bereits IPS-Zellen von Patienten mit bestimmten Krankheiten gewonnen und im Labor zu Nervenzellen umgebildet. Solche Zellen sind meist nicht auf natürliche Art zu erhalten, so dass diese Technik hilfreich ist, Krankheiten im Reagenzglas zu ergründen, gezielt mögliche Therapieansätze zu finden oder Medikamente zu testen. Forscher in Jena entwickeln ein Labor auf einem Chip Angesichts der möglichen Fristverlängerung für bestimmte Tierversuche zur Testung von Kosmetik ist es umso wichtiger, dass es Forschungsgruppen gibt, die tierversuchsfreie Methoden entwickeln und diese so schnell wie möglich behördlich anerkannt werden - denn das ist die Voraussetzung dafür, dass die unsinnigen Tierversuche nicht mehr durchgeführt werden. Wissenschaftler um Prof. Dr. Karl-Heinz Feller, Dr. Michael Meyer und Dr. Thomas Munder von der Fachhochschule Jena haben in Zusammenarbeit mit der Universität Regensburg und regionalen Firmen ein Lab-on-a-Chip-System (Labor auf einem Chip) konstruiert, das in der Kosmetikindustrie Verwendung finden soll, um daran pflanzliche Kosmetikinhaltsstoffe zu testen. Die Forscher geben dabei durch kleine Schläuche Pflanzenextrakte auf die auf dem Chip aufgetragenen Hautzellen. Nach zwei Tagen wird ausgewertet, ob die Testsubstanz zum Beispiel reizende Wirkung hat oder womöglich giftig ist. Hierfür werden elektrochemische Untersuchungen angestellt sowie durch eine Kamera beobachtet, ob die Zellen Schaden genommen haben. Solche Systeme sind nicht nur praktisch und sehr kostengünstig, da sie schnell und zuverlässig zu einem Ergebnis führen, vielmehr sind sie von Bedeutung, um die üblicherweise zur Testung herangezogenen Tiere vor einem grausamen Tod zu bewahren. Gefördert wird das Forschungsprojekt vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie mit rund 1,3 Millionen Euro. Die Wissenschaftler streben die Fertigstellung eines leistungsfähigen Prototyps bis zum 30.10.2013 an, was helfen könnte, die drohende Fristverlängerung der Tierversuche über 2013 hinaus zu verhindern.
Foto: Fachhochschule Jena
Tierversuchsfreie Methode erweist sich im Test als aussagekräftig ReProTect ist ein EU-gefördertes Projekt, das zum Ziel hat, die Giftigkeit einer Substanz auf die Fortpflanzung und die Nachkommen mittels tierversuchsfreier Verfahren zu prüfen. Im Rahmen einer umfangreichen Studie sollte ermittelt werden, ob sich mögliche fortpflanzungsschädigende Wirkungen im Reagenzglas vorhersagen lassen. An dieser Untersuchung waren Labors aus aller Welt beteiligt, darunter in Deutschland die ZEBET (Zentralstelle zur Erfassung und Bewertung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch) und in Baden-Württemberg die Abteilung für Frauenheilkunde und Geburtshilfe des Universitätsklinikums Freiburg und das Department für Experimentelle und Klinische Pharmakologie und Toxikologie des Universitätsklinikums Tübingen. Die Auswertungen zeigen, dass die in dem Projekt entwickelten tierversuchsfreien Testverfahren geeignet sind, Tierversuche zu ersetzen. Im Versuch wurden hierzu 14 verschiedene Testsmethoden miteinander kombiniert, in denen chemische Substanzen, deren schädigende Wirkung auf die Reproduktion bereits bekannt war, getestet wurden. Die gewonnenen Daten aus der In-vitro-Methode wurden mit den im Tierversuch gewonnenen verglichen. Da sich analoge Ergebnisse zeigten, gilt die tierversuchsfreie Methode hinsichtlich der Vorhersage schädlicher Wirkungen von Chemikalien als anwendbar. Dass eine tierversuchsfreie Methode nur dann als gut befunden wird, wenn sie sich an den Ergebnissen aus Tierversuchen messen lässt, ist jedoch nicht plausibel. Denn bei Tierversuchen wurde nie hinterfragt, inwieweit deren Ergebnisse für Menschen überhaupt relevant sind. Folglich können sich falsche Daten verfestigen, die für den Menschen unzuverlässig, wenn nicht sogar falsch sind. Erfreulicherweise mehrt sich die Methodenkritik an Tierversuchen. Doch unsere Politik verlangt trotzdem solch zweifelhafte Nachweise. Zwar sind wir um jedes Tier froh, dem ein unsinniger Vergiftungstod erspart bleibt, doch müssen wir im Auge behalten, dass ein Loslösen von der unzuverlässigen Methode Tierversuch und eine Umorientierung zu einer rein tierversuchsfreien Forschung notwendig sind. Aus: Tierschutz akuell 4/2010 |

