Tierrechtskongress in Wien Drucken E-Mail
Dagmar Oest, Vorstandsmitglied

Der Tierrechtskongress wird vom öster­reichischen Verein gegen Tier­fabriken (VgT) in unregelmäßigen Ab­ständen veranstaltet. Zum vierten Mal waren vom 08.-11.12.2011 wie­der Menschen aus verschiedenen Fachbereichen zusammenkommen, um ihre Meinung zu Tierrechten vor­zu­tragen und zur Diskussion zu stel­len. Ich hatte im Jahr 2004 schon ein­mal an dem Kongress teilgenom­men und war begeistert über die Fül­le an Informationen und die interes­santen Redner aus aller Welt.

Dieses Jahr war das Angebot an Themen und Vorträgen sogar wesent­lich umfangreicher und die Zahl der Besucher laut Veranstalter so hoch wie nie zuvor. Überrascht hat mich das in diesem Jahr sehr unterschied­liche Publikum: Vom gepiercten Ras­tafari bis zum bejahrten Professor oder Richter war alles vertreten.

1 2

Dagmar Oest (rechts) und unser sehr en­gagiertes Vereinsmitglied Astrid Suchanek

Foto: Niki Kulmer

In den dreieinhalb Tagen gab es von morgens bis spätabends ein um­fangreiches Programm mit Kurzvor­trägen, einer Vielzahl von Arbeits­kreisen und Diskussionsrunden. Im Foyer lag auf den Informations­tischen zahlreiches Material aus, außerdem konnte man sich Tierrechtsvideos an­sehen. In den Pausen konnte man  Tierrechtskunst von Chris Moser be­sichtigen oder Zeichnungen und Bil­der von afrikanischen Wildtieren be­wundern. Da mehrere Veranstaltun­gen parallel stattfanden, fiel die Ent-  scheidung schwer, an welcher man teilnehmen sollte. Einige der für mich wich­tigsten Beiträge stelle ich kurz vor.

Sehr beeindruckend fand ich Mahi Klosterhalfen von der Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mit­welt. Er hielt einen Vortrag über Er­kenntnisse aus der Psychologie, die für die Tierrechtsarbeit wichtig sind. Er führte aus, dass viele Aktive die Situation nicht realistisch einschätzen würden. Des­halb würden Aktionen durchgeführt werden, die dem „Wa­rum" nicht ge­recht würden. Um in der Praxis gute Arbeit zu leisten, müss­ten theoretische Erkenntnisse der Psy­chologie und Soziologie be­rück­sichtigt werden. Er fragte, wa­rum es beispielsweise mehr Frauen als Män­ner gibt, die vegetarisch oder vegan leben. Was sind die geschicht­lichen Hinter­gründe?

Psychologisch sei es unklug, Slo­gans zu verwenden, die uns zwar lo­gisch erscheinen, bei den Ange­sprochenen jedoch nicht gut ankom­men und sogar eine Abwehr- und Verteidigungshaltung erzeugen. Das betrifft Aussagen wie „Fleisch ist Mord" oder „Sie machen sich mit­schuldig, wenn Sie Fleisch essen". Denn gesellschaftlich ist das Essen von Fleisch ja etabliert und nicht ver­boten. Die Albert Schweitzer Stiftung geht deshalb einen anderen Weg. Auf ihrem neuen Flyer ist ein nied­liches Ferkel abgebildet. Darunter steht: „Selbst wenn Sie Fleisch mögen ...". Im Innenteil werden dann Alternati­ven aufgezeigt und Argumente ge­nannt. Wir haben die Broschüre gleich in unser Programm aufgenommen.

Mahi Klosterhalfen berichtete ferner über den Erfolg ihrer Käfig­eifrei-Kampagne. Diese beinhaltet allerdings lediglich eine Umstellung von Eiern aus der Käfig- auf die Bodenhaltung. Kritische Fragen da­zu musste er sich schon gefallen las­sen.

Der Vortrag von Sebastian Zötsch, Stellvertretender Vorsitzender des Ve­getarierbunds Deutschland (VEBU) hatte den Titel: Don`t work harder, but smarter (arbeite nicht härter, aber geschickter) - effektive Tierrechts­arbeit. Er führte aus, dass Ressour­cen wie Aktivisten, Zeit und Geld sehr begrenzt sind, die Aufgaben dagegen groß. Effizienz und Effektivität seien daher wichtig. Wie schafft man es, mit wenig Aufwand viel für die Tiere zu erreichen? Der VEBU sieht die beste Effektivität darin, das Ernäh­rungsverhalten der Bevölkerung zu verändern, da damit die größten Er­folge in der Tierrechtsarbeit erzielt werden können. Zahlenmäßig sind die für die menschliche Ernährung getöteten Tiere milliardenfach höher als bei allem anderen Tierverbrauch. Tierversuche, Pelztierhaltung, Jagd, Zirkus, Stier­kampf usw. machen pro­zentual einen verschwindend gerin­gen Anteil des weltweiten Tiermiss­brauchs aus. Also soll man sich am besten auf die Ernährung konzen­trieren, was der VEBU und die Albert Schweizer Stif­tung sehr professio­nell und erfolg­reich machen wür­den.

1 3

Sebastian Zötsch (links) und Mahi Kloster­halfen

Foto: Dagmar Oest

(Anmerkung: Was die Tierzah­len an­geht, stimmen wir dem zwar zu - dies ist übrigens ein beliebtes Argu­ment von Tierexperimentatoren! Aber soll man dem Leid all der anderen  Tiere tatenlos zusehen, nur weil sie eine Minderheit sind? Da sind wir anderer Meinung! Natürlich kann eine einzelne Organisation nicht alle Tier­qualen verhindern. Deshalb müs­sen sich die Aufgaben mehrere Ver­eine, eventuell mit Spezialgebieten, teilen.)

Ein sehr hörenswerter Beitrag war auch der von Dipl.-Sozialwiss. Andre Gamerschlag, Dozent an der Leibnitz Universität Hannover und Redakteur des Magazins Tierbefreiung, zum Thema Feminismus und Tierbefrei­ung. Er führte die amerikanische Band Consolidated an, die 1991 den Begriff Unity of Oppression (Ein­heit der Unterdrückung) prägte. Sie besang einen Zustand, in dem Weiße und Schwarze, Heterosexuelle und Homosexuelle, Frauen und Männer zusammenkommen, um die Unter­drückung zu überwinden, und um Tiere und Natur mit Rücksicht zu behandeln. Sämtliche bisherigen Be­freiungsbewegungen hätten die Tiere schlicht vergessen beziehungsweise nicht für wichtig gehalten. Deshalb weitete die Band den Begriff „Unter­drückung" auch auf nichtmenschli­che Tiere und Men­schen­gruppen aus, die zuvor nicht nur durch Klasse, Rasse, Ethnie und Geschlecht benach­teiligt waren.

Im gleichen Jahr führte die Vega­ne Offensive Ruhrgebiet - eine der ersten Gruppen mit einem gesell­schaftskritischen Tierbefreiungsan­spruch - den Begriff in die deutsch­sprachige Diskussion ein. Aus ihrem herrschaftskritischen Anspruch he­raus plädierte sie dafür, Herrschaft insgesamt anzugehen, anstatt sich nur an bestimmten Formen abzuarbei­ten.

Petra und Niki Kulmer vom öster­reichischen Verein Die Tier-WeGe, die viel im Bereich Tiertrans­porte unternehmen, berichteten über ihre Sportveranstaltungen zum Tier­schutz, die sie mehrfach im Jahr ver­anstalten. Sie hoffen, auf diese Weise die Vorurteile gegen blasse und an­triebsarme Vega­ner am überzeugend­sten abbauen zu können.

Auch auf eine ganz andere Art ver­such­ten sie den Veganismus publik zu machen: Sie nahmen an der TV-Sendung „Frauentausch" teil. Eini­gen von Ihnen sind sie viel­leicht da­durch bekannt.

In etlichen Vorträgen ging es um praktischen Tierschutz, vor allem in südlichen Ländern. Weitere Themen waren Tierversuche, gesunde Ernäh­rung, kritische Nährstoffe, Tiere in der Werbung und noch vieles mehr.

Zum österreichischen Tierrechts­prozess - Näheres dazu im folgenden Artikel - schilderten einige der Ange­klagten, darunter DDr. Martin Bal­luch, Vorsitzender des VgT, Mag. Felix Hnat, Obmann der Veganen Ge­sellschaft Österreichs, und einige weitere ihre Erlebnisse. Jahrelang wa­ren sie von der Polizei bespit­zelt worden, um ihnen Straf­taten nach­weisen zu können.

Die Tierrechtler schilderten die brutalen Umstände ihrer Verhaf­tung. Völlig unschuldig waren sie in Un­tersuchungshaft genommen worden. Die Gerichtsverhandlun­gen dauerten monatelang, obwohl sich die Ankla­gen allesamt als haltlos erwiesen. Trotz Freispruchs wurden sie in ein finanzielles Fiasko gestürzt, denn zu allem Übel konnten sie während des Prozesses keiner Arbeit nachgehen. Familien wurden aus der Bahn ge­wor­fen, einige traumatisiert.

Die teilweise hanebüchenen Vor­würfe, Stilblüten und Fehlleistungen einiger Gutachter waren dann, von Felix Hnat trotz seiner schlimmen Erlebnisse lustig vorgetragen, Thema des „sozialen Abends", mit dem der Tierrechtskongress sein Ende fand.

1 4

DDr. Martin Balluch

1 5

Mag. Felix Hnat

Beide Fotos: VgT



Kurzinformation zum österreichischen Tierrechtsprozess

In Österreich wurden Tierrechtler und -organisationen einige Jahre polizeilich observiert, sogar ein weiblicher Polizei­spitzel mit falscher Identität war monatelang in einen der Tierrechtsvereine eingeschleust worden. Man wollte ihnen kriminelle Handlungen nachweisen.

Am 21.03.2008 verhafteten Spezialeinheiten der Polizei zehn Tierrechtsaktivisten, die an erfolgreichen Kampagnen mitgewirkt hatten. Mit äußerster Brutalität überfielen maskierte Polizisten die Tierrechtler im Schlaf, stellten sie in An­wesenheit ihrer Kinder mit der Waffe im Anschlag an die Wand und führten sie dann ab. Gegen weitere 30 Tierschützer wurde ermittelt, darunter gegen den Verein RespekTiere. Ihre Wohn- und Arbeitsräume wurden durchsucht, Computer be­schlagnahmt, der Verein wurde monatelang arbeitsunfähig. Allein von dort wurden 250.000 Bild- und 37.000 E-Mail-Dateien sowie rund 12.000 Text- und Tabellendokumente ausgewertet. Ein Wahnsinn, was dieser Skandal-Prozess den Steuerzahler gekostet hat. Das Innenministerium gab bekannt, dass wichtige Mitglieder einer kriminellen Organisation, die für Brandstiftungen, Buttersäureanschläge und Bombendrohungen verantwortlich sein sollten, festgenommen worden seien. Die vorgenannten Anklagepunkte wurden zwar schnell fallen gelassen. Zurück blieben harmlose Vorwürfe wie die Erstellung von Flugblättern, die Entwicklung von Tierschutzkampagnen oder die Besetzung einer Legebatterie.

Das Fatale an der österreichischen Justiz ist, dass jeder Angeklagte die anfallenden Prozesskosten selbst bezahlen muss. Und das, gleichgültig ob er schuldig oder unschuldig gesprochen wird. Bei diesem Mammutprozess fielen pro ehemals Beschuldigtem 470.000 Euro Verteidigungskosten an. Haftent­schädigung dagegen zahlt der Staat nur minimal.

DDr. Martin Balluch hat über den unglaublichen Prozess, den sogar Amnesty International anprangerte, ein Buch geschrieben: Widerstand in der Demokratie: Ziviler Ungehorsam und konfrontative Kampagnen. Mit dem Kauf dieses spannenden Buches können Sie ihn finanziell unterstützen.

Aus: Tierschutz aktuell 1/2012