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Auswirkungen der Jagd

Auswirkungen der Jagd auf Wildtiere und Menschen

Von Seiten der Jägerschaft wird die Jagd gewöhnlich damit begründet, dass sie die Rolle der ausgerotteten Beutegreifer wie Wolf, Bär und Luchs übernehmen müsste, um einerseits die überhöhten Bestände einiger Arten „auf ein ökonomisch und ökologisch verträgliches Maß zu regulieren" und andererseits bedrohte Arten wie Feldhasen und Bodenbrüter vor Fressfeinden wie Fuchs und Marder zu schützen. Tatsächlich verfehlt die Jagd aber nicht nur ihr erklärtes Ziel, sondern verursacht mehr Probleme als sie zu lösen vorgibt.

Jagd und Hege mit ausufernden Fütterungen und Kirrungen, künstlich gedüngten Wildäckern sowie vitaminisierten Kraftfuttergaben setzen natürliche Selektions- und Regulationsmechanismen innerhalb von Wildtierpopulationen außer Kraft. Das führt bei wildlebenden Tierbeständen zu einer Altersklassen- und Geschlechterverschiebung bis hin zur völligen Zerstörung wichtiger Sozialstrukturen mit Auswirkungen auch auf die Populationsentwicklung. Hobbyjagd ist - neben der industrialisierten Landwirtschaft - oberste Faunenverfälschung und hat einen negativen Einfluss auf die biologische Vielfalt.


Jagd macht Tiere scheu und erhöht Wildschäden

Reh  Foto: © wojciech nowak - Fotolia.com

Die ständige Bedrohung durch Jäger verändert das ursprüngliche Verhalten der Wildtiere nachhaltig. Sie entwickeln eine unnatürlich große Scheu und erhöhte Fluchtdistanzen. Normalerweise tagaktive Tiere verlagern deshalb ihre Aktivitäten in die Dämmerungs- und Nachtstunden und statt tagsüber auf Wiesen, in Lichtungen und an Waldrändern nach Nahrung zu suchen, verstecken sie sich im Dickicht der Wälder, wo sie notgedrungen junge Bäume anknabbern. Häufige Fluchten erhöhen den Energiebedarf, was die Verbissschäden im Wald und Schäden in der Landwirtschaft noch in die Höhe treibt.

Ein weiterer negativer Effekt ist das erhöhte Unfallrisiko für Autofahrer durch nachtaktives und/oder flüchtendes Wild. (Die meisten Wildunfälle passieren nachts und bei bei Bewegungsjagden in der Nähe von Straßen und Autobahnen).

Stark bejagte anpassungsfähige Tierarten wie Wildschweine oder Füchse besiedeln deshalb in zunehmendem Maße besonders (Groß)städte, wo sie genügend Nahrung finden und, weitgehend vor Verfolgung geschützt, ihre unnatürliche Scheu wieder ablegen. In "befriedeten" menschlichen Siedlungen sind Wildtiere wesentlich häufger zu beobachten als in freier Natur.

Die Jagd treibt somit nicht nur die Verbissschäden und die Unfallgefahr in die Höhe, sondern verhindert auch in großem Maßstab, Tiere in ihrem ursprünglichen Lebensraum hautnah zu erfahren - ein Umstand, der sich auch auf das Naturverständnis kommender Generationen äußerst negativ auswirken dürfte.


Jagd reguliert nicht

Ein Blick auf die Populationsdynamik von Wildtieren in jagdfreien Gebieten zeigt, dass die Bestandsgröße einer Tierart von den Umweltbedingungen ihres jeweiligen Lebensraums (Habitat) reguliert wird. Von ihnen hängt es ab, wie viele Tiere überleben können (Umweltkapazität). In einer vom Menschen weitgehend unbeeinflussten Naturlandschaft halten sich die Bestandsgrößen auf einem mehr oder weniger gleichbleibenden Niveau. Periodische Schwankungen sind vor allem auf Faktoren wie Klima, Nahrungsangebot, Krankheiten, Zu- und Abwanderungen, Anzahl der Fressfeinde, etc. zurückzuführen (REICHHOLF). Wissenschaftliche Studien belegen, dass der regulatorische Einfluss von Beutegreifern dabei eine weitaus geringere Rolle spielt, als Jäger meist behaupten. Die Räuberdichte wird bei vielen Tierarten von der Anzahl der Beutetiere begrenzt und nicht umgekehrt. So fressen die großen Beutegreifer nur einen geringen Teil des Schalenwilds (Paarhufer) oder der Hasenartigen (Feldhasen und Kaninchen), weshalb sie auf die Regulation der entsprechenden Tierbestände nur einen geringen Einfluss haben. Wölfe, Baren und Luchse erbeuten in erster Linie schwache, kranke oder unaufmerksame Individuen und verbessern damit die genetische Substanz der Beutepopulationen. Der menschliche Jäger selektiert als „Raubtier" hingegen nach völlig anderen Kriterien. Es tötet vorwiegend gesunde Tiere, nicht selten sogar Keiler, kapitale Hirsche und Rehböcke (Trophäenjagd) und beeinflusst damit in negativer Weise die genetische und soziale Struktur der Populationen (NATALE). Anders verhält es sich bei den Nagetieren, vor allem bei Mäusen, wo bis zu 60% des Bestandes Opfer von Beutegreifern (v.a. Füchsen!) werden. In diesem Fall spielen die Räuber tatsächlich eine wichtige Rolle bei der Regulation ihrer Beutetiere (CONSIGLIO).

Auf jagdlich bedingte hohe Verluste und die Zerstörung von Familienverbänden reagieren insbesondere zahlenmäßig starke Wildtierpopulationen wie Rehe, Wildschweine, Füchse oder auch Waschbären mit erhöhten Reproduktionsraten. Eine französische Langzeitstudie wies beispielsweise nach, dass die intensive Bejagung von Wildschweinen in Verbindung mit einem reichen Futterangebot sowohl die Fruchtbarkeit als die Geschlechtsreife stimuliert, so dass bereits Frischlingsbachen trächtig werden (SERVANTY). Auch scharf bejagte Fuchspopulationen gleichen selbst drastische Verluste innerhalb kurzer Zeit durch erhöhte Geburtenraten wieder aus. In jagdfreien Gebieten sinkt dagegen die Fortpflanzungsrate: Niedrigere Welpenzahlen pro Wurf und ein sinkender Anteil an Füchsinnen, die sich am Fortpflanzungsgeschehen beteiligen, vermeiden Überpopulationen. Im fuchsjagdfreien Nationalpark Bayerischer Wald werden pro Füchsin nur etwa ein Drittel so viele Welpen geboren wie in intensiv bejagten Gebieten (FROMMHOLD). Eine amerikanische Studie an Waschbären zeigte auf, dass die Bejagung zu keinerlei Bestandsreduktion führte, sondern lediglich zu einer Verschiebung im Altersklassenaufbau mit einem deutlich höheren Anteil an Jungtieren und trächtigen Fähen gegenüber unbejagten Populationen (ROBEL).

Bache  © XK - Fotolia.com

Nicht genug damit, dass der Tisch Wildschwein & Co. infolge des Anbaus gehaltvoller und ertragreicher Getreide- und Kartoffelsorten immer reich gedeckt ist, sorgen Jäger über Kirrung, Ablenk- und Winterfütterung für eine regelrechte Freiland-Mast des Schalenwilds. So setzen sich die Mageninhalte getöteter Wildschweine in Baden-Württemberg zu über 35 Prozent aus Kirrungsfutter und zu knapp 20 Prozent aus Mastfutter zusammen (HESPELER). Nach einer neueren Untersuchung in Rheinland-Pfalz werden über die Kirrjagd ähnliche Energiemengen in die Schwarzwildpopulationen eingebracht wie über den gesamten Feldmaisanbau.

Werte in vergleichbarer Dimension ergaben sich auch für Baden-Württemberg. Naturgegebene Nahrungsengpässe etwa im Winter, auf die Wildtiere mit geringeren Geburtenraten reagieren würden, werden so wieder ausgehebelt (HOHMANN u. HUCKSCHLAG). Das Ergebnis: Die Bestandsdichten pendeln sich aufgrund intensiver Bejagung und ausufernder Fütterung nicht nur immer wieder rasch auf ihr derzeitig hohes Niveau ein, sondern wachsen teilweise sogar weiter an.

In ihrem Bestand gefährdete Tierarten wie Rebhühner, einige Entenarten, Steinböcke oder Feldhasen reagieren dagegen auf jagdliche Eingriffe genau entgegengesetzt. Sie werden durch die Jagd weiter geschwächt. Ab einer kritischen Untergrenze reicht mitunter die Tötung weniger Individuen, um einen schwachen Tierbestand (zumindest regional) auszulöschen (REICHHOLF). Die scharfe Bejagung von "Raubtieren" wie Füchsen und Mardern ist jedoch der falsche Weg, den Fortbestand bedrohter Arten zu sichern, denn deren Rückgang ist in erster Linie der Zerstörung ihrer Lebensräume durch großflächige Agrar-Wüsten zu verdanken. Nicht-tödliche Schutzmaßnahmen wie beispielsweise die zeitlich begrenzte Einzäunung der Gelege von Wiesenbrütern während der Brutzeit und Habitatverbesserungen scheinen deshalb im Gegensatz zu jagdlichen Eingriffen in der Regel wesentlich effektiver und nachhaltiger zu sein. (BELLEBAUM).



Abschuss fördert Verbreitung von Krankheiten

Häufig wird die jagdliche Eindämmung des Fuchsbestandes u.a. mit dem Hinweis auf die Verbreitung von Krankheiten wie Tollwut, Fuchsbandwurm oder Räude begründet. Tatsache ist aber, dass die Jagd die Ausbreitung von Krankheiten nicht verhindert. Die ständige Bejagung der Füchse führt nämlich nicht nur zu mehr Nachwuchs, sondern auch zu einem beschleunigten Ortswechsel der überlebenden Tiere, die die Krankheiten damit erst in neue Gebiete einschleppen. So konnte beispielsweise auch im Falle der Tollwut die erbarmungslose Hatz auf Füchse in den 1970er Jahren die Seuche keineswegs eindämmen. Genau das Gegenteil war der Fall: Die Tollwut breitete sich schneller aus als je zuvor, und erst durch den Einsatz tierfreundlicher Impfköder konnte ihr Einhalt geboten werden. Auch zur Bekämpfung des Fuchsbandwurms, einer beim Menschen äußerst seltenen Erkrankung, selbst in einem Endemiegebiet wie der Schwäbischen Alb, wären Entwurmungsköder zur Bekämpfung des Fuchsbandwurms weitaus erfolgversprechender als die gnadenlose Verfolgung der Tiere. Eine solche Impfaktion wurde von 2003 bis 2007 im Landkreis Starnberg durchgeführt. Waren am Anfang der Aktion noch über die Hälfte der Füchse infiziert, so sank die Befallsrate im Jahr 2007 auf unter ein Prozent. Neuausbrüche der Schweinepest bei Wildschweinen sind oft hausgemacht. Ursache sind - auch von Jägern ausgebrachte - infizierte Abfälle, zu denen das Schwarzwild Zugang hatte. Quellen dafür können illegale Deponien oder Abfallbehälter sein, aber auch die unerlaubte Verwendung von Speiseresten an Kirrungen oder die Beschickung von Luderplätzen mit Abfällen von infizierten Wild- oder Hausschweinen, in denen das Schweinepestvirus vor allem an kühlen und dunklen Orten mehrere Wochen überlebensfähig bleiben kann.


Quellen:
Jagd macht Tiere scheu
REICHHOLF, J. H.: Warum Jagd? Folgen des Jagens für Menschen, Tiere, Pflanzen und Landschaften. In: TIERethik, 5. Jg. 2013/2

REICHHOLF, J. H.: Ist die Einstellung der Jagd im Kanton Basel möglich und sinnvoll? Wildtierökologische Betrachtung. Vortrag am 15.10.2013 an der Universität Basel. http://www.youtube.com/watch?v=vOAufU4lHBQ

Jagd reguliert nicht
ARNOLD, W.: Schwarzwild - Bestandesdynamik und Einflussfaktoren [2011] http://www.bljv.at/infoblaetter/infoblatt2011_03/Schwarzwild_Bestandsdynamik.pdf

BELLEBAUM, J.: Wiesenbrüterschutz und Prädation - Erfahrungen aus Deutschland. BirdLife Herbsttagung, Räuber – Herausforderungen für den Vogelschutz, 11. - 12. 10. 2013, Linz/OÖ
CONSIGLIO. C.: Vom Widersinn der Jagd. Frankfurt a.M., 2001
FROMMHOLD, D.: Ist die Jagd noch zeitgemäß? Impulsvortrag zum Tierschutztreffen am 15.10.2013 in Stuttgart . s. auch www.fuechse.info
HESPELER, B.: Schwarzwild heute, 2011 (In: Schwarzwildausbreitung in Oberösterreich. Strategien zur Schadensminderung. Land Oberösterreich, 2013) http://www.land-oberoesterreich.gv.at/files/publikationen/lfw_schwarzwildausbreitung.pdf
HOHMANN, U; HUCKSCHLAG: Schwarzwild: Kirrmais versus Feldmais, Forschungsanstalt für Waldökologie und Forstwirtschaft, Rheinland-Pfalz, Stand 2.3.2010
NATALE, M.: Jagd – Schutz oder Störung der Lebensräume unserer Wildtiere? Impulsreferat beimTierschutztreffen am 15.10.2013 in Stuttgart
NATALE, M.: Regulieren Förster Wildbestände oder wird das Wild nur verjagt? http://www.jagdkritik.ch/wissenwertes/wissenswertes/875-regulieren-foerster-wildbestaende-oder-wird-das-wild-nur-verjagt.html
REICHHOLF, J. H.: Warum Jagd? Folgen des Jagens für Menschen, Tiere, Pflanzen und Landschaften. In: TIERethik, 5. Jg. 2013/2
REICHHOLF, J. H.: Ist die Einstellung der Jagd im Kanton Basel möglich und sinnvoll? Wildtierökologische Betrachtung. Vortrag am 15.10.2013 an der Universität Basel. http://www.youtube.com/watch?v=vOAufU4lHBQ
ROBEL, R.J. et al. : Racoon Populations: Does Human Disturbance Increase Mortality? In Transactions of the Kansas Academy of Science 93 (1-2), 1990, S. 22-27.
SERVANTY, S. et al (2009) Pulsed resources and climate-induced variation in the reproductive traits of wild boar under high hunting pressure; J Anim Ecol. Nov;78(6):1278-90

Abschuss fördert Verbreitung von Krankheiten
FROMMHOLD, D.: www.fuechse.info

Schweinepest bei Wildschweinen. Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. http://www.bmelv.de/DE/Landwirtschaft/Wald-Jagd/Jagd/_texte/SchweinepestWildschweine.html

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